Warum die selbstgewählte Familie zu den beliebtesten
Tropes gehört
Eine Gruppe von Menschen (oder Wesen), die nicht durch Blut, sondern durch gemeinsame Erfahrung, gemeinsame Not oder einfach durch Zufall zueinander finden – und am Ende mehr füreinander sind als die Familie, aus der sie stammen. Genau das ist die "Found Family"-Trope, eine der beliebtesten Konstellationen der Fantasy- und Science-Fiction-Literatur überhaupt. Guardians of the Galaxy, die Crows aus Leigh Bardugos "Six of Crows" oder Dorothy mit Vogelscheuche, Blechmann und Löwe im "Zauberer von Oz": eine bunt zusammengewürfelte Truppe von Außenseitern, die einander das geben, was ihre Herkunftsfamilien ihnen verwehrt haben.
Man könnte meinen, das sei eine Erfindung der modernen Popkultur. Ist es aber nicht. Schon die Brüder Grimm erzählten 1819 eine Geschichte, die im Kern genau dasselbe Muster zeigt: die "Bremer Stadtmusikanten". Ein Esel, zu alt zum Mahlen. Ein Hund, zu alt zum Jagen. Eine Katze, zu alt zum Mäusefangen. Ein Hahn, der sonntags im Suppentopf landen soll. Jedes dieser Tiere gilt in seinem bisherigen Leben als nutzlos geworden, überflüssig, eine Last. Gemeinsam auf dem Weg nach Bremen vertreiben sie eine Räuberbande aus einem Waldhaus – nicht durch Kampf, sondern indem sie sich aufeinander stellen und gemeinsam Lärm machen. Am Ende ziehen sie gar nicht mehr weiter. Sie bleiben, wo sie sind, und leben zusammen. Was jedes Tier für sich allein zum alten Eisen gemacht hätte, wird gemeinsam zur Stärke, die reicht, um sich ein eigenes Zuhause zu erobern. Zweihundert Jahre vor Guardians of the Galaxy war das Prinzip längst da.
Warum aber lieben wir diese Konstellation so sehr, immer wieder, quer durch alle Genres und Jahrhunderte? Ich glaube, es hat mit etwas sehr Grundsätzlichem zu tun: Die eigene Herkunftsfamilie kann man sich nicht aussuchen. Man wird in sie hineingeboren, mit allem, was das an Erwartungen, Enttäuschungen oder Anpassungsproblemen mit sich bringt. Found Family dagegen ist Familie als Entscheidung, nicht als Schicksal. Genau das macht sie für viele Leserinnen und Leser so anziehend – gerade für jene, die selbst die Erfahrung gemacht haben, dass Blutsverwandtschaft allein noch keine Zugehörigkeit garantiert. Die Trope sagt im Grunde: Du darfst dir deine Menschen selbst suchen. Und wenn du sie gefunden hast, zählen sie genauso, vielleicht sogar mehr. Dahinter steht das zutiefst menschliche Bedürfnis nach sozialer Bindung – wir sind auf Gemeinschaft angewiesen, ob biologisch verwandt oder nicht, und Geschichten, die zeigen, wie aus einzelnen Außenseitern ein Zusammenhalt entsteht, sprechen dieses Bedürfnis direkt an. Nicht zuletzt macht das gemeinsame Durchleben von Widrigkeiten Beziehungen glaubwürdig: Wir sehen nicht nur, dass Vertrauen da ist, wir erleben, wie es entsteht.
Das ist im Kern auch die Geschichte, die ich selbst erzähle: mehrere Figuren, jede für sich von der eigenen Umgebung ausgegrenzt, teilweise aufgrund von Eigenschaften, über die sie gar keine Kontrolle haben. Unterwegs finden sie nach und nach zueinander. Niemand plant diese Gruppe, sie entsteht einfach aus den verschiedensten Gründen, eine Begegnung nach der anderen. Zusammengenommen ergeben die Dinge, die sie alle zu Außenseitern gemacht haben, am Ende die Fähigkeiten, die für die gemeinsame Aufgabe gebraucht werden. Genau wie bei den Bremer Stadtmusikanten, die auch erst nach und nach zu einer Gruppe werden. Und wie bei ihnen wird daraus am Ende viel mehr als eine Zweckgemeinschaft.