Warum wir unfreiwillige Helden lieben

Als ich anfing, meine Geschichte zu plotten, war für mich klar: Mein Protagonist wäre nicht der Typ, der sich freiwillig meldet. Kein Schwert in der Hand, kein "Ich rette die Welt"-Blick in den Augen – eher jemand, der sich am liebsten in die Bibliothek verkriecht. Allerdings liegt das in seinem Fall nicht nur an seinem Wissensdurst und seiner Liebe zu Büchern: Seine Welt bietet ihm einfach keine Möglichkeit, Dinge zu beeinflussen, also investiert er seine Energie in das, was er kontrollieren kann. Genau diese unfreiwillige Passivität, die sich wandelt, als die Umstände ihn dazu zwingen, macht diesen Charakter für mich so spannend.

Der "reluctant hero" ist eine der langlebigsten Figuren der Erzähltradition: jemand, der die Heldenrolle nicht sucht, sondern in sie hineingedrängt wird. Er zweifelt an sich und seinen Möglichkeiten, und genau dieses Zögern ermöglicht uns, uns in ihn hineinzuversetzen, und gibt der Geschichte ihre emotionale Tiefe. Die klassische Struktur dahinter kennt man oft, ohne sie benennen zu können: Ruf zum Abenteuer, Weigerung, ein auslösendes Ereignis, das keine Wahl mehr lässt, die widerwillige Entscheidung – und ein Wachstum, das sich erst im Rückblick als Heldenreise erkennen lässt. Bilbo will Tee und seine Bücherwand, keine Drachen. Frodo will den Ring genauso wenig, wie Aragorn König werden will. Er trägt ihn nur, weil niemand sonst es kann. Auch Luke Skywalker will erst gar nichts mit der Rebellion zu tun haben. Schon Odysseus täuscht in einer der ältesten Geschichten dieser Art Wahnsinn vor, um dem Krieg zu entkommen, und will später nur eines: nach Hause.

Dabei ist diese Struktur noch deutlich älter als Homer. In den Berufungserzählungen des Alten Testaments findet sich dasselbe Muster in nahezu identischer Reihenfolge. Mose antwortet auf seine Berufung mit einem Einwand, den man aus dem Kino kennt, nur zweitausend Jahre früher: Schick doch jemand anderen. Gideon hält sich für zu unbedeutend, um irgendjemanden zu retten. Jeremia meint, er sei noch zu jung, um zu sprechen. Und dann ist da noch Jona… Jedes Mal folgen Zweifel, ein Zeichen oder Zuspruch, und schließlich die Entscheidung, es trotzdem zu tun. Der zögernde Held ist also kein modernes Erzählmittel, nicht einmal ein antik-griechisches – er gehört zu den ältesten Mustern, die wir kennen, um das Handeln von Menschen darzustellen, die aus verschiedenen Gründen ihre Ängste überwinden und über sich hinauswachsen.

Aber warum mögen wir diese Figuren eigentlich so sehr? Ich glaube, es liegt genau in diesem Zögern. Die wenigsten von uns stehen morgens auf und wollen die Welt retten, eine Rebellion anführen oder gegen etwas kämpfen, das größer ist als wir selbst. Wir zaudern, schieben Dinge auf, überlegen dreimal, ob wir wirklich der oder die Richtige sind. Ein Held, der genau das tut, fühlt sich nicht wie eine Fantasiegestalt an, sondern wie jemand, der uns ähnlich ist. Handelt diese Figur dann irgendwann doch – nicht aus angeborenem Mut, sondern weil ihr nichts anderes mehr übrigbleibt –, dann fühlt sich das verdient an, nicht geschenkt. Wenn wir das Zögern miterlebt haben, macht es den Mut, der danach kommt, glaubhafter. Den klassischen "geborenen" Helden bewundern wir vielleicht, aber wir erkennen uns eher in seinem zögernden Gegenstück wieder.

Genau das war auch der Ausgangspunkt für meinen „Helden“: Er hat sich sein Erbe nicht ausgesucht. Aber als er brutal aus seinem bisherigen Leben gerissen wird und zum ersten Mal eine Wahl hat, nimmt er die Herausforderung an.