Woher stammt der Gestaltwandler-Mythos
Eine Spurensuche...
In meiner eigenen Geschichte gibt es gleich mehrere Figuren mit der Fähigkeit, ihre Gestalt zu wechseln – mal als mächtiges Wesen, mal in menschlicher Form unterwegs, nie ganz das eine, nie ganz das andere. Als ich mich näher mit dem Motiv beschäftigt habe, wurde mir klar: Ich bin damit in sehr alter Gesellschaft.
Kaum eine Kultur kommt ohne Gestaltwandler aus. In der griechisch-römischen Mythologie verwandelt sich Zeus selbst immer wieder, Proteus entzieht sich jedem Zugriff, indem er ständig seine Form ändert, und Lykaon wird zur Strafe für seinen Frevel in einen Wolf verwandelt – die älteste erhaltene Werwolf-Erzählung des Westens, festgehalten in Ovids Metamorphosen. Im Norden tragen die Ulfhednar, eine Kriegerkaste der Wikingerzeit, Wolfsfelle, um sich im Kampf absichtlich in einen rasenden, wolfsähnlichen Zustand zu versetzen. An den Küsten Schottlands und Irlands erzählt man von Selkies, Wesen, die als Robben durchs Meer schwimmen und an Land ihr Fell ablegen, um menschliche Gestalt anzunehmen. In Japan gelten Kitsune, Fuchsgeister mit der Fähigkeit zur Verwandlung, als Vermittler zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt – weder ganz Tier noch ganz Mensch, sondern genau dazwischen. Und in schamanischen Traditionen rund um den Globus ist die Verwandlung in ein Tier seit jeher Teil der spirituellen Praxis: ein Weg, zwischen Diesseits und Jenseits zu vermitteln.
Wie alt dieses Bedürfnis ist, Mensch und Tier in einer Gestalt zu verschmelzen, zeigt ein Fund aus einer Höhle in Süddeutschland. Der sogenannte Löwenmensch von Hohlenstein-Stadel – eine aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Figur mit menschlichem Körper und Löwenkopf – ist etwa 40.000 Jahre alt und gilt als eines der ältesten bekannten figürlichen Kunstwerke der Menschheit überhaupt. Lange bevor es Schrift, Ackerbau oder sesshafte Siedlungen gab, haben Menschen bereits eine Gestalt geschaffen, die bewusst zwischen den Arten steht. Das Mischwesen ist also offenbar keine späte Erfindung der Mythologie, sondern eine der ursprünglichsten Ideen überhaupt.
Warum aber übt dieses Bild bis heute eine solche Anziehungskraft aus? Ich glaube, es liegt daran, dass Gestaltwandler eine Erfahrung sichtbar machen, die sehr viele Menschen kennen, auch ohne Fell oder Krallen: das Gefühl, nicht vollständig in eine einzige Kategorie zu passen. Wer zwischen zwei Welten steht – zwischen zwei Kulturen, zwei Rollen, zwei Erwartungen an die eigene Identität –, erkennt sich in einer Figur wieder, die buchstäblich zwei Formen in sich trägt, ohne dass die eine die andere auslöscht. Die Verwandlung macht außerdem sichtbar, was sonst verborgen bleibt: eine innere Stärke, ein Zorn, eine Weisheit, die erst zum Vorschein kommt, wenn die gewohnte Gestalt abfällt. Gerade deshalb sind Gestaltwandler selten reine Monster oder reine Helden. Sie verkörpern die Idee, dass Identität nicht starr sein muss, um echt zu sein.
Diese Überlegung wird besonders im zweiten Teil meiner Trilogie sehr wichtig, aber darüber verrate ich später mehr.